8 Tage, 7 Länder
Der Marathonmann auf dem Fahrrad
Von den Schuhen auf den Sattel, von 42 auf weit über 1.000 Kilometer, vom Laufen auf das Rennrad. Florian Kels hat in acht Tagen über drei Gebirgszüge insgesamt sieben Länder und rund 1.000 Kilometer hinter sich gebracht. Auf diesen Seiten hat er darüber gebloggt.
Tortur beendet
Was war das für ein Tag gestern! Nachdem ich mitten in der Nacht mit der Deutschen Bahn in Düsseldorf angekommen war, fiel ich am Samstagabend vollkommen übermüdet ins Bett. Nichtsdestotrotz konnte ich kaum schlafen. Die Eindrücke der letzten Tage und die Vorfreude auf den Sonntag hielten mich wach.
Am Sonntagmorgen wachte ich also nach einer recht kurzen Nacht auf und begann meine Vorbereitungen auf den Kö-Lauf, zu dem ich mich in einem Anflug von Wahnsinn angemeldet hatte. Die Belastungen der vergangenen Tage merkte ich mittlerweile doch recht deutlich, die Beine waren schwer, und insgesamt fühlte ich mich recht ausgelaugt.
Trotzdem konnte ich meiner 8-Tage-7-Länder-Tour, die in Düsseldorf gestartet ist, mit dem Kö-Lauf ein tolles Ende bereiten. Über 10 km verbesserte ich meine persönliche Bestzeit trotz absolut überanstrengter Beine um fast zwei Minuten. Mein Trainer Holger Schütt hatte mir fast nicht zugetraut, die Strecke überhaupt durchzustehen.
Was bleibt von der Tour? Ich habe jede Menge tolle Eindrücke mitgenommen, die ich bei weitem noch nicht alle verarbeitet habe. Das Gefühl, allein mit der Kraft meiner Beine durch die halbe Republik gereist zu sein, macht mich schon sehr stolz. Dass die Gruppe, die sich in der vergangenen Woche zu einer richtig tollen und lustigen Gemeinschaft entwickelt hat, jetzt wieder auseinander fällt, finde ich persönlich sehr schade. Aber sicherlich sieht man sich bei dem ein oder anderen Fahrradtraining - ich freue mich drauf.
Gestern wurde mir mehrfach die Frage gestellt: Was ist dein nächstes, verrücktes Projekt? Und ich muss ganz ehrlich sagen: Ich weiß es nicht! Ich will zu keiner Idee “nein” sagen. Letztendlich bin ich für fast alles zu haben, sofern es verrückt genug ist. Meine nächsten Ziele sind definitiv wieder der Marathon in Düsseldorf im kommenden Jahr - und einmal beim New-York-Marathon zu laufen, das wäre die Erfüllung eines Traumes.
Wenn ich daran denke, dass ich noch vor einem Jahr nicht einmal auf die Idee gekommen wäre, überhaupt auch nur einen Kilometer zu laufen - was für ein unglaubliches Jahr liegt hinter mir!
3. September 2007, Florian Kels
Der letzte Tag!
Ausgerechnet heute scheint es Petrus, der uns die vergangenen Tage fast immer die Stange gehalten hat, nicht gut mit uns zu meinen. Es regnet, es ist neblig und kalt. Nichtsdestotrotz werde ich mich jetzt natürlich ein letztes Mal auf meinen Sattel schwingen und mich in Richtung Alpen pedalieren. Ein bisschen Wehmut ist schon dabei, wie wir alle heute Morgen ein letztes Mal unsere Koffer packten und unsere Vorbereitungen für diese Etappe machten. Obwohl es tierisch anstrengend war/ist, würde jeder wohl gerne noch ein, zwei oder vielleicht drei Tage dranhängen. Die Gemeinschaft, die sich über eine Woche zusammengefunden hat, werden wir wohl alle vermissen.
Die letzte Etappe hielt noch mal einige richtig heftige Steigungen für uns bereit. Bis auf 1.100 Meter ging die Reise für unsere Gruppe noch einmal hinauf in die Alpen, und das Wetter ließ uns nicht im Stich. Kaum waren wir vor die Hoteltür getreten, hörte es zumindest auf zu regnen, die Straßen trockneten, und wir konnten wie gewohnt trocken unsere Wege radeln.
Bei einem kühlen Weißbier ließen wir die Tour, die uns über unvorstellbar schöne Strecken und rasante Abfahrten geführt hat, Revue passieren, bevor es für mich hieß, Abschied zu nehmen. Meine Mitstreiter gönnten sich noch einen (verdienten!) Abend mit Sauna, Massage und Champagner. Ich hingegen will morgen beim Kö-Lauf an den Start und musste deshalb am späten Nachmittag in den Zug steigen, um pünktlich in Düsseldorf zu sein. Schönen Gruß an die Jungs im Allgäu, die hoffentlich noch ihre große Leistung feiern!
1. September 2007, Florian Kels
Gutes Wetter, (erst) gutes Gefühl
Zwei Fragen beschäftigten mich heute schon zu nachtschlafender Zeit vor dem Sonnenaufgang: Wie wird heute das Wetter werden, bleibt es weiter trocken? Und wie werde ich, nach meinem Durchhänger am Vortag, heute mit der Gruppe mithalten können?
Die erste Frage konnte ich auf einem kurzen Spaziergang durch Radolfzell schnell beantworten: Ein hellblau leuchtender Himmel versprach einen sonnigen Tag, bestens gelaunt machte ich mich also an die Vorbereitungen des Tages: Zum vorletzten Mal richtig ausgiebig Frühstücken, die Siebensachen zusammenpacken und das Fahrrad checken.
Von Beginn der Etappe an fühlte ich mich richtig gut, ich kam aber vor allem deshalb relativ schnell in den richtigen Tritt, weil die Etappe flach begann und wir zunächst einmal den halben Bodensee umrundeten. Richtig gut gelaunt machte ich mich also an die ersten, lockeren Steigungen - und musste leider recht bald feststellen, dass mein linkes Knie anfing, Probleme zu machen. Beim Treten der Pedale hatte ich in der oberen Innenseite des Knies zunehmend stechende Schmerzen. Bei der Mittagspause in Will in der Schweiz musste ich mir sogar vorab einen Eisbeutel bestellen, um das lädierte Knie zu kühlen.
Nach der Mittagspause hatte ich deshalb nicht nur meine üblichen Probleme, wieder in meinen Rhythmus zu kommen. Immer mehr Gedanken machte ich mir auch darum, ob ich die Tour überhaupt zu Ende fahren kann.
Das Problem ist lokalisiert: Holger Schütt hatte gestern meinen Sattel verstellt, weil ihm mein Fahrstil nicht passte. Hallo? Ex-Fußballer haben nun mal O-Beine! Die Umstellung war scheinbar nichts für meine Knie. Nachdem wir den Sattel wieder in „Originalposition“ verstellt hatten, ließen die Schmerzen immer weiter nach.
Das Highlight des Tages kam jedoch kurz vor Ende der Etappe: Auf rund 1.100 Metern über dem Meeresspiegel hatten wir uns heraufgekämpft. Warme Sachen an, und ab ging die Fahrt: 8 km, bis zu 15% Gefälle und über 80 km/h. Im Tal waren wir alle fast enttäuscht, dass diese grandiose Abfahrt schon zu Ende war. Vor allem die Sicht in das Tal des Fürstentums Liechtenstein hat uns alle umgehauen.
Morgen geht die Tour leider schon zu Ende. „Nur“ noch einmal durch die Alpen - und dann geht’s wieder heimwärts direkt in Richtung Königsallee. Am Sonntag steht in der Heimat der Kö-Lauf an. Verrückt, wie ich bin, habe ich mich dafür angemeldet. Aber vorher: Alpen :-)!
31. August 2007, Florian Kels
Tiefpunkt der Tour
Es ist schon durchaus erheiternd, wie die Bedienungen der diversen Restaurants, in denen wir abends einkehren, auf unsere Bestellungen reagieren. “Meine Herren, wenn Sie das bestellen, dann bringe ich ihnen das auch”, ist nur ein Beispiel für eine recht überraschte Antwort auf eine Bestellung einer Vorsuppe, zwei Hauptspeisen und mindestens einer Nachspeise. Aber es ist klar: Wir haben abends Hunger! Zwischen fünf- und achttausend Kalorien verbrennen wir auf unseren Touren jeden Tag, da reicht „normales“ Essen einfach nicht aus, um die Energiespeicher wieder zu füllen.
Heute war definitiv mein bisheriger Tiefpunkt dieser Tour. Vom Start weg hatte ich Probleme, der Gruppe zu folgen - was aber nicht verwundern darf, begann die Etappe von der Haustüre des Hotels weg doch mit einer Steigung über vier Kilometer von bis zu 15% in das Schwarzwaldmassiv.
Morgens brauche ich immer etwas länger als die Anderen, um meinen Rhythmus zu finden. Heute fand ich ihn dank dieser Steigung fast bis zum Schluss nicht. Das Wetter war nur leicht besser als gestern, mehr Sicht zwar, doch die Temperaturen sorgten weiterhin dafür, dass ich durchweg gefroren habe und heute einfach keine Freude am Fahren entwickeln konnte. Über 110 Kilometer hing ich quasi unseren Vollblutradlern hinterher, erst kurz vor Schluss, nach einem Energieriegel und einem hoch konzentriertem Kohlehydratgel konnte ich einigermaßen Tritt halten und die Etappe gut zu Ende fahren.
Heute war das Teilstück für mich reiner K(r)ampf und ein ständiges Ankurbeln gegen den Wunsch, einfach aufzuhören und mich in unseren Begleitwagen zu setzen. Ich hoffe, morgen, wenn es in die Alpen geht und die Tour ihren Höhepunkt erreicht, habe ich bessere Beine.
30. August 2007, Florian Kels
Kaltes, schlechtes Wetter
Es ist der fünfte Tag unserer Tour durch acht Länder, am frühen Nachmittag. Das Wetter ist umgeschlagen. Nachdem wir vier Tage bestes Wetter hatten, zeigt sich Petrus heute von seiner schlecht gelaunten Seite: Es ist kalt!
Den Weg hinauf in die Schwarzwaldhochstraße haben wir einigermaßen gut überstanden. Trotzdem ist eines deutlich klar geworden: Kindergeburtstag ist vorbei, die restlichen Etappen sind nur was für große Jungs. Die Steigungen werden mehr, länger und steiler.
Seit einer halben Stunde habe ich keine Menschenseele mehr gesehen, ich befinde mich ganz allein mitten im Schwarzwald, rechts ein Abgrund, links das Bergmassiv. Doch viel sehen kann man davon nicht: Die Sichtweite liegt unter 20 Metern, ich bin mitten in einem Nebel, den ich so dicht noch nie in meinem Leben erlebt habe. Da vorne, dieser Schattenumriss könnte einer meiner Mitstreiter sein - doch schon ist er verschwunden.
Ich singe die Lieder meines MP3-Players laut mit, um mich von meinen Gedanken abzulenken. Wenn ich jetzt umkippe, findet mich kein Mensch! Was passiert, wenn mich ein Auto von hinten nicht sieht? Und auf Abfahrten: Okay, ich fahre rund 70 km/h - was ist wohl in 50 Metern? Eine Kurve? Oder habe ich Glück, und es geht noch etwas weiter geradeaus?
Überhaupt: Abfahrten! Die letzten Tage war ich froh über jede Abfahrt und jede Aussicht. Aussicht fällt heute leider aus, Abfahrten haben heute gleich mehrere Nachteile: Es ist saukalt, der Fahrtwind kriecht in jeden Zentimeter der Kleidung, bringt die Augen zum Tränen und macht jede Abfahrt zur Tortur. Darüber hinaus ist die eingeschränkte Sicht immer aufs Neue ein Spiel mit dem Feuer: Vermute ich die Kurve richtig? Komme ich heil unten an? Wie sieht es mit den Anderen aus? Letztendlich war ich um jeden Meter froh, den es bergauf ging. Da war einem wenigstens warm.
Zusammengefasst: eine tolle, anspruchsvolle Etappe! Hat Spaß gemacht, ich freue mich auf morgen!
29. August 2007, Florian Kels
Bergfest der Tour
In Iffezheim am Rhein angekommen liegt bereits der vierte Tag hinter uns. Die Zeit vergeht wie im Flug, und alle sind nicht nur körperlich müde, sondern auch erschlagen von den vielen Eindrücken der Tage. Die Fahrer haben nun 640 km sowie die Ardennen und die Vogesen in den Beinen. Direkt nach der Ankunft an den einzelnen Etappen-Hotels ist die Stimmung zumeist ermüdungsbedingt recht bescheiden, doch nach einer halben Stunde Erholung und einem kühlen Bier ist die Stimmung wie während des Tages wieder super.
Mittlerweile wissen alle, wo der Hammer hängt, haben die meisten doch nur Raderfahrung am Niederrhein sammeln können. Mittelgebirge wie die Ardennen sind halt schon recht knackig für solche Flachlandtiroler wie uns. Von unserem Hotel hier in Iffezheim konnten wir bereits heute Abend die Berge des Schwarzwaldes sehen, und die Fahrer scheinen beeindruckt. Die nächsten zwei Tage stehen uns dort einige knackige Anstiege bevor, die weitaus steiler und länger sind als die bisherigen. Ich habe gerade während des Abendessens versucht, allen ein wenig die Angst vor morgen zu nehmen, ich befürchte jedoch, dass alle gehörigen Respekt vor den kommenden Tagen haben.
Florian Kels ist und bleibt ein Beißer. Ich war ohnehin der festen Meinung, dass er es gut schaffen wird, doch nun schlägt er sich viel besser, als ich angenommen habe. Zudem war er noch als einer von dreien in den heftigen Sturz des zweiten Tages verwickelt, den alle - also auch Flo - gut überstanden haben. Ich hoffe nun sehr, mit allen die letzten Tage bis zur Ankunft in Oberstdorf gut zu überstehen und melde mich gerne noch einmal, wenn wir es schließlich geschafft haben.
28. August 2007, Holger Schütt
“Och … nur bis oben!”
Der heutige Tag begann ziemlich früh, mitten in der Nacht, mit einem Schock: Ich wachte auf und war geplagt von starken Schmerzen im linken Handgelenk - sollte der Sturz vom Vortag doch bleibende Wirkung bei mir erzielt haben? Ich erinnere mich nur dunkel, dass ich tatsächlich auf das linke Handgelenk gefallen bin. Ob mich das beim Fahren stören wird?
Die Etappe beginnt mit einer sehr langen Verspätung: Bei Jens am Fahrrad scheint doch einiges mehr kaputt zu sein, als wir zunächst angenommen haben. Mit allen Mitteln versuchen wir, dem Defekt Herr zu werden, doch am Ende müssen wir einsehen: Jens kann heute nicht mitfahren, muss sich von Max nach Saarbrücken zu einem Mechaniker fahren lassen und kann erst morgen wieder einsteigen.
Wir starten mit einer schönen Aufwärmübung: Zum Frühsport gibt es direkt mal zwei knackige Steigungen zu bewältigen, die die Gruppe schon zu diesem frühen Zeitpunkt auseinander sprengt. Aber das Teilstück entwickelt sich zu einer wunderschönen Strecke: wahnsinnige Aussichten über wunderschöne Landschaften. Das einzige Problem dabei ist: Solche Aussichten sind immer verbunden mit wahnsinniger Anstrengung und durchaus unangenehmen und teilweise hinterhältigen Steigungen. Nur, weil man nach einer Kuppe die Straße nicht mehr sehen kann, heißt das noch lange nicht, dass es danach flach oder sogar bergab geht. Es kann auch einfach nur etwas weniger steil werden.
Hinter einer dieser vielversprechenden Kuppen, hinter der sich aber einfach nur weitere Kilometer nach oben versteckten, fragte ich, unmotiviert und schlecht gelaunt wie ich war, in die Runde: “Verdammt, wie lang ist das denn noch?” Robert, unser allzeit gut gelaunter Engländer im Team, antwortete knochentrocken: “Och … nur bis oben!” Er grinste mich an und verschwand in Richtung Gipfel. Kopfschüttelnd setzte ich mich auf den ungeliebten Sattel und versuchte, ihm zu folgen.
Apropos “folgen”: Ich habe heute richtig gut in die Gruppe gefunden, konnte an vielen Steigungen gut mithalten, und auch auf flachem Gelände ist das recht hohe Tempo für mich kein Problem mehr. Heute hat das Fahren schon richtig Spaß gemacht, die Aussichten, die Abfahrten, die heutige Versorgung mit Wasser durch eine Kirche auf dem Land (Danke!) und die Stimmung im Team machen diese Tour zu einem richtig tollem Erlebnis.
Bevor es morgen erneut (und dann wohl zum letzten Mal) in die Ardennen geht, werden wir noch eine Runde kegeln und den Abend gemütlich ausklingen lassen.
27. August 2007, Florian Kels
Eine Etappe, zwei Gesichter
Wie unterschiedlich man doch so eine Etappe bewerten kann. Auf der einen Seite möchte ich so eine Etappe nach Möglichkeit niemals wieder erleben. Auf der anderen Seite kann es wegen mir genau so weiter gehen wie heute! Aber von vorn …
Apropos “von vorn”: Das Tagebuch zu schreiben, ist gar nicht so einfach. An so einem Tag, an dem man sechs, sieben oder auch acht Stunden auf dem Rad sitzt, passiert so einiges, was man bis abends, wenn ich das Tagebuch schreibe, auch gern mal vergisst. Aber zurück zum heutigen Tag - ich fange mal mit den schlechten Ereignissen an.
Unser Mitstreiter Udo musste sich heute leider aus gesundheitlichen Gründen von uns verabschieden. Unsere kleine Gruppe wird dadurch leider noch ein bisschen kleiner. Guido wurde am frühen Nachmittag von einer Biene gestochen - unter dem Helm hatte sich das Vieh verirrt und hatte nichts besseres zu tun, als ihm in sein nur leicht behaartes Haupt zu stechen. Angenehmer wurde die Etappe für ihn sicher nicht.
Am späten Nachmittag kam dann das, was wir uns alle gerne erspart hätten: Bei etwa 35 km/h kam Christoph ins Straucheln und legte sich auf die Seite. Ich war zwei Räder weiter hinten, sah relativ frühzeitig die Gefahr der Situation und versuchte, nach links zu steuern. Jens, der direkt hinter Christoph im Windschatten fuhr, hatte jedoch keine Möglichkeit, zu reagieren, und fuhr direkt über Christoph und stürzte ebenfalls. Sein Fahrrad legte sich genau in meinen Weg und nahm mir jede Möglichkeit, auszuweichen.
Zu dritt legten wir uns voll auf die Nase. Ich fiel zur Seite, rutschte ein kleines Stück über den Asphalt und schlug mit dem Helm seitlich auf der Straße auf. Tierisch erschrocken blieb ich einen Augenblick liegen, stellte fest, dass mir nichts weiteres fehlt, und stand auf. Auch Christoph und Guido hatten Glück: Bis auf ein paar kleine Schrammen blieben alle Beteiligten unverletzt. Das hätte auch ganz anders ausgehen können.
Auf der anderen Seite hat die Etappe heute richtig Spaß gemacht. Die Aussichten über die luxemburgische Landschaft waren teilweise atemberaubend, die Steigungen waren alle erträglich und absolut machbar, die Abfahrten hingegen waren der absolute Hammer: Bis zu 80 km/h zeigte mein Tacho heute an. Mehr Nervenkitzel geht wohl nicht!
Morgen früh geht es dann weiter. 140 km durch die Vogesen, und dann erreichen wir wieder deutsches Gebiet. Zielort ist Saarbrücken.
26. August 2007, Florian Kels
Auf geht’s!
7.30 Uhr. Acht Tage auf dem Rennradsattel liegen vor mir - von Kalkum aus mache ich mich auf den Weg in die Redaktion von Antenne Düsseldorf.
7.45 Uhr. Auf dem halben Weg fällt mir auf, dass ich meine Trinkflaschen vergessen habe. Der Tag fängt, nach einer weitgehend schlaflosen Nacht, schon richtig gut an.
8.15 Uhr. Nach einer nicht ganz so gemütlichen Fahrt, wie sie eigentlich geplant war, und nach einer Beinahekollision mit einem Taxifahrer (Schönen Gruß! Ich hatte Vorfahrt!) komme ich bei Antenne Düsseldorf an.
8.45 Uhr. Live on air spreche ich mit Dennis Horn über das, was mir in der kommenden Woche bevor steht. So langsam entwickelt sich bei mir eine richtige Vorfreude!
9.30 Uhr. Am Treffpunkt bei Alma Sports in Oberkassel treffe ich auf Tour-Organisator Holger Schütt von Active First und meine Mitstreiter. Die Stimmung ist gut, auch wenn wir noch etwas irritiert sind, wenn Holger von “Das ist alles machbar!” spricht.
12.00 Uhr. So langsam kommt die Gruppe in Tritt. Die ersten Stunden haben wir genutzt, um unseren Rhythmus zu finden und uns an die ungewohnte Belastung zu gewöhnen. Es fängt an, Spaß zu machen. Die erste Mittagspause steht an, in irgendeinem Ort auf dem Weg zwischen Düsseldorf und Malmedy - ehrlich gesagt keine Ahnung, wo das gewesen ist. In einem Eiscafé wollen wir einen kleinen Snack zu uns nehmen, der allerdings etwas auf sich warten lässt. Die Entschuldigung des Bedienpersonals: “Ja, das dauert halt, wir haben nur eine Mikrowelle.” Hmm. Lecker. Frische Waffeln aus der Mikrowelle. Weiter geht die Fahrt.
Nachmittags. Der Rhythmus stimmt! Mit rund 30 km/h bewegen wir uns in der flachen Ebene Richtung Landesgrenze. Wir beginnen sogar, im belgischen Kreisel, also abwechselnd im Wind, zu fahren und verteilen so die Belastung auf die ganze Gruppe. Leider halten die Google-Earth-Karten nicht das, was sie versprochen haben, und ein ums andere Mal müssen wir anhalten, um den Kurs zu korrigieren.
16.55 Uhr. Wir verlassen Deutschland und überqueren die Grenze zu Belgien.
17.30 Uhr. Die Strecke wurde auf den letzten Kilometern deutlich hügeliger. Immer wieder reißt die Gruppe auseinander. Ich selbst halte mich im hinteren Teil unseres kleinen Feldes auf. Nicht, weil ich keine Kräfte mehr habe, ich muss mich immer wieder selbst bremsen. Sven Teutenberg hat mir dringend geraten, möglichst viel Kraft am Berg zu sparen: “Fahr immer langsamer, als du eigentlich kannst.” Also halte ich mich zurück, schließlich liegen noch weit über 900 Kilometer vor mir. Das Ende der Etappe kommt immer näher. “Nur noch ein richtig schöner Berg, dann sind wir da”, kündigt Holger an. Ich bin zwar skeptisch, weil ich nicht genau weiß, was Holger mit “richtig schön” meint. Der Schlussanstieg liegt also vor uns.
2 Kilometer vom letzten Berg. Ich bin schon jetzt weit abgeschlagen vom Rest des Feldes. Nur noch Jens ist bei mir, zusammen wollen wir den Berg meistern. Mein MP3-Player gibt den Geist auf, die Batterie ist alle. Ich hoffe, der Anstieg ist bald geschafft.
5 Kilometer vom letzten Berg. Max, der Fahrer unseres Begleitwagens, fährt an uns vorbei. Auf die Frage “Wie lang ist noch?” kommt nur ein trockenes “Sehr lang”. Ich hoffe, dass er das ironisch meint.
7 Kilometer vom letzten Berg. Dieser Berg ist verteufelt hart. Immer wieder hat es den Anschein, er wäre bald geschafft. Doch hinter der nächsten Kurve lauert die nächste Steigung. Lange kann ich diese Belastung nicht mehr durchhalten. Meine Wasservorräte neigen sich dem Ende zu, und Krämpfe kündigen sich an.
9 Kilometer vom letzten Berg. “Richtig schöner Berg”, hat er gesagt. Ich beginne, Holger zu hassen. Darüber hinaus frage ich mich, ob dieses Projekt nicht ein bis zwei Nummern zu groß für mich ist.
11 Kilometer vom letzten Berg. Ich hasse die ganze Welt. Ich bin mir sicher, dass ich hier nichts zu suchen habe! Ein Wadenkrampf zwingt mich, anzuhalten. Für diese Tortur entschädigt keine noch so lange Abfahrt, kein leckeres Essen im Hotel oder sonst irgendwas. Ich will ins Bett!
13 Kilometer vom letzten Berg. Es ist geschafft. Mit der letzten Kraft und dem letzten Tropfen Wasser erreichen Jens und ich den Gipfel. Als ob das Schicksal es besonders gut mit uns meint, befindet sich hier oben ein Restaurant. Wir erbetteln uns neues Wasser und machen fünf Minuten Pause. Frisch gestärkt geht es an die Abfahrt - die ein Riesenvergnügen ist. Mit rund 50 km/h sausen wir ins Tal hinab. Die Kletterei hat sich definitiv gelohnt!
21.00 Uhr. Duschen, Abendessen, gute Nacht. Auf den Muskelkater bin ich gespannt!
25. August 2007, Florian Kels
Was nimmt man mit auf diese Tour?
Nur noch einmal schlafen, dann sitze ich für acht Tage auf einem Rennradsattel - nur kurz unterbrochen für Ess- und Schlafpausen. Heute heißt es: noch einmal die Ausrüstung checken, das Fahrrad, das mir im übrigen dankenswerterweise der Designer Oliver Conrad zur Verfügung gestellt hat, ein letztes Mal auf Herz und Nieren überprüfen und vor allem Koffer packen.
Doch was nimmt man mit, auf eine Tour, bei der man die komplette Zeit entweder auf dem Rad oder im Bett verbringt? Im Augenblick ist es sehr warm. Kurze, dünne Klamotten müssen also mit. Aber wer sagt denn, dass das Wetter in einer Woche nicht umschlägt? Die Abende in den Alpen könnten also unangenehm kühl werden - also lieber auch noch den dicken Pullover eingepackt. Und schon stellt sich die kleine Tasche als zu klein heraus, und ich muss umpacken.
Als dann: Klamotten, Waschzeug und den ganzen Technikkram zur Berichterstattung verstaut. Als der Koffer so gerade noch schließbar war, wäre mir fast entfallen, meine zweite Radgarnitur einzupacken. Also noch einmal auf, irgendwie Trikot und Hose reingestopft, draufgesetzt und irgendwie zu gemacht. Wenn ich jetzt noch was vergessen habe, habe ich halt Pech gehabt. Da geht nichts mehr rein!
24. August 2007, Florian Kels
